Die längste aller Weilen

Die Langeweile steht gehörig unter Druck – dabei könnte sie die Welt bereichern. Dafür braucht sie aber dringend einen Imagewechsel, findet unser Autor.

Kolumne von Kilian Ziegler, Vögele Kultur Bulletin #120 •

Kolumne von Kilian Ziegler, Vögele Kultur Bulletin #120 •

Die Luft ist Emmentaler, so viele Löcher habe ich in sie hineingestarrt. Mit dem Sofa bin ich eins geworden – bin Zentaur, halb Mensch, halb Möbel, sowieso mache ich gerade halblang. Schaue zur Uhr, sie zuckt bloss mit den Schultern, kratzt sich die Schläfe mit dem Stundenzeiger, fühle mit ihr, liege selbst dalí-esk über Lehne und Polster, als wären Knochen bloss Behauptung.

Würde mich jemand sehen, wäre die Verwirrung gross: «Kilian, was ist los? Es passiert ja gar nichts? Also ... ähm … ist das nicht …», verunsicherte Pause, als ob gleich Unsagbares ausgesprochen würde, «langweilig»? Geheimnisvoll, beinahe mystisch, eines Zentauren würdig, würde ich sagen: «Doch! Sehr langweilig! Aber auf gute Art.» Eine noch verunsicherndere Pause. «Was? Wirklich? Ich würde durchdrehen.»

Kilian Ziegler zählt zu den bekanntesten Slam Poeten der Schweiz. Seine aktuellen Programme und Auftritte finden Sie unter kilianziegler.ch.

Ich verstehe das. Dass man das nicht versteht. Ich habe mich auch immer beim Langweilen gelangweilt. Doch zum einen sind die Gelegenheiten des Nichtstuns selten geworden – ich habe sie fast schon vermisst. Und zum anderen: Wie oft habe ich tatsächlich schon probiert, mich zu langweilen? Ich meine wirklich probiert? Nicht schon nach dreieinhalb Minuten aufgeben und zur Elektronik greifen. Sondern inne- und den Moment aushalten. Es stimmt, zunächst ist es hart, lähmend, die Langeweile bohrt ins Gemüt (heisst es darum «boring»?).

Doch ich werde belohnt: Harre ich lange genug aus, fasst sich unverhofft das Hirn ein Herz. Und ich merke: Langeweile, das heisst gar nicht Stillstand. Das ist kein Leerlauf. Erst recht keine verlorene Zeit. Es passiert nichts und trotzdem geschieht etwas: Hinter den Kulissen (bzw. hinter der Stirn) arbeitet es, die Löcher in der Luft füllen sich mit Ideen. Gedanken kommen in die Gänge. Oh, kurzweilige Langeweile!

Was, wenn man diesen Zustand nicht nur akzeptiert, sondern mehr noch bewusst einsetzt? Als Instrument? Du machst nichts? Macht nichts! Lass dich überraschen, vielleicht ereignen sich magische Dinge. Es wäre eine geradezu kontrazyklische Taktik: Der Trend liegt darin, seine Zeit vollzustopfen, als ob man, wenn man es nur hartnäckig genug probierte, auch noch eine einundsechzigste Minute in die Stunde hineinpressen könnte. Wer etwas verpasst, kriegt eine verpasst, vom Leben höchstpersönlich.

Es würde mich nicht wundern, wenn soeben im Silicon Valley meinetwegen ein Alarm losginge: «Mann in der Schweiz ist nicht am Handy. Code red!» Es wird einfach zu wenig konsumiert, wenn man sich langweilt. Sowieso hat das Smartphone ganze Arbeit geleistet und die Langeweile mutmasslich ins ewige Standby befördert. Ein Verlust, der von vielen gar nicht als solcher erkannt wird. «Nie mehr langweilen? Super!» Aber ob es besser ist, wenn der nie endende Insta-, TikTok-, Youtube-Feed einen mit belanglosesten Belanglosigkeiten füttert, als wäre Social Media ein äusserst perfider respektive «per-feed-er» Mastbetrieb? Ich bezweifle es.

Langeweile ist längst zum Luxus geworden. Es wäre so einfach: In der herrschenden kollektiven Überforderung braucht es keine teuren Flüge an Strände anderer Kontinente. Keine Wellnessferien in die Berge. Es benötigt lediglich eine halbe Stunde auf dem Sofa – ohne Visa, Duty Free – und der Tank füllt sich von allein. Auch die werten Top-Manager könnten auf teure Kreativ-Workshops für Teambildung und Führungskompetenz verzichten und sollten sich besser mal eine Runde ordentlich langweilen, bringen würde es ihnen mehr. Schliesst ja den Apéro danach nicht aus.

Die Langeweile bräuchte ein neues Image, ein positives Re-Framing – wie es die obigen Manager wohl nennen würden –, wer will schon ein Langweiler sein? Die BDP versuchte es vor einigen Jahren mit dem Wahlslogan «Langweilig, aber gut». Ob der Slogan funktionierte? Gegenfrage: Gibt es die BDP noch? Eben.

Ein Langweiler sollte, entgegen dem, was der Synonym-Duden vorschlägt, nicht als Spassbremse oder Stimmungskiller wahrgenommen werden, sondern als Visionär. Als Inspirierter. Als einer, der offen ist, sich verblüffen zu lassen. Es ist, wie eigentlich immer, eine Frage der Perspektive: Natürlich kann man Hanns Guck-in-die-Luft als Langweiler und Träumer abtun, aber für Astrologen ist er ein Vorbild.

Schon spannend, die Langeweile. Sie könnte etliche Semester an der Uni füllen (was sie in meinem Fall effektiv tat, wenn auch nicht beabsichtigt). Doch so sehr sie mich in den letzten Minuten (oder waren es Stunden?) vereinnahmt hat, so schnell wird sie ihren Griff bald lösen, mich in den Alltag entlassen und das Sofa und mich in eigene Entitäten zurückverwandeln. Aber bis dahin lasse ich die Zeit Zeit sein. Noch ist mir langweilig. Langweilig, aber gut.


Diesen und viele weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe #120 des Vögele Kultur Bulletins.

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