TOTAL GAGGI
Wie lustvoll der Umgang mit Wörtern sein kann, zeigen uns die Kinder. Es ist eine Freude, ihnen dabei zuzuhören – auch wenn ihr Geplapper nicht immer Sinn macht.
Kolumne von Roland Grüter, Vögele Kultur Bulletin #117 •
Kolumne von Roland Grüter, Vögele Kultur Bulletin #117 •
Manchmal braucht es ein einzelnes Wort, um die Welt in Aufregung zu versetzen. Letzthin sass ich in einem Tram, hinter mir eine junge Mutter mit ihrem etwa dreijährigen Sohn. Ein aufgeweckter Bub mit haselnussbraunen Augen und einem Lächeln, das bezaubernder war als alle Sehenswürdigkeiten zusammen, die vor den Fenstern an uns vorbeizogen. Der Kleine war gut gelaunt, er wälzte sich vergnügt auf dem Schoss seiner Mutter, trällerte ein Kinderlied, bis er plötzlich dieses eine Wort sprach: «Gaggi.» Er schien daran seine helle Freude zu haben, denn er wiederholte das Wort immer wieder – und vor allem immer lauter. Dabei schaute er interessiert in die Runde, wahrscheinlich, um herauszufinden, ob seine Botschaft auf offene Ohren stösst und auch verstanden wird.
Roland Grüter ist seit über 30 Jahren Journalist – und ist mitverantwortlich für das Vögele Kultur Bulletin.
Sie wurde verstanden. Einzelne Fahrgäste drehten ihre Köpfe verwundert nach dem Jungen um, manche mussten lachen, wieder andere schauten verlegen aufs Smartphone und spitzten dennoch ihre Ohren, wohin die Gaggigerei wohl führen mag.
Ganz klar war nicht, worin die Echolalie des Kleinen gründete, in seiner Windel oder in der generellen Weltlage. Wahrscheinlich wollte der Bub bloss austesten, was er mit dem einsilbigen Monolog bewirken kann. Bei seiner Mutter war der Effekt gut ablesbar: Sie war sichtlich geniert und mahnte ihren Sohn an, leiser zu sprechen und das G-Wort nicht länger in den Mund zu nehmen. Doch damit erreichte sie das Gegenteil: Der Kleine steigerte die Lautstärke und Kadenz der Ansprache. Und mit dem Tonfall steigerte sich auch seine Begeisterung für das gesprochene Wort.
Ich dachte mir: Schade eigentlich, dass uns diese Lust an der Sprache irgendwann verloren geht. Ich habe nachgelesen, dass Dreijährige erst 300 bis 500 Wörter beherrschen und folglich noch vor einer langen Sprachreise stehen, bis sie die 12’000 bis 16’000 Wörter beherrschen, die wir in der deutschen Muttersprache anwenden. Leider macht ein reicher Wortschatz aber nicht immer kommunikativer, das zeigte sich ebenfalls im Tram. Rund um das Geplapper des Buben – grosses Schweigen.
Vielleicht sollten wir uns hie und da an den unbeschwerten Umgang mit Wörtern zurückerinnern, so wie es vor über 100 Jahren die Dadaisten taten. Sie jonglierten – wie der Bube im Tram – lustvoll Worte und Buchstaben und waren davon überzeugt: Das Spiel mit der Sprache emanzipiert uns von etablierten Anschauungen, macht uns mutig und lässt uns die Welt anders sehen, gerade weil wir sie umbenennen.
Will heissen: Die treffendsten Worte bleiben tot und leer, werden sie nicht genutzt, ob geschrieben oder gesprochen. Dann doch lieber ein Gaggi-Mami, ein Gaggi-Tram oder ein Gaggi-Glacé. Diese Ausdrücke machen zwar nicht wirklich Sinn, dafür verbreiten sie Frohsinn, Spass und Behagen. Oder, um es in den Worten des Knirpses zu sagen: «Ganz grosse Luftsprung-Freude.»
Diesen und viele weitere Artikel finden Sie in der Ausgabe #120 des Vögele Kultur Bulletins.
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