Kultur macht mobil

Was passiert, wenn ein Museum nicht auf Besuch wartet, sondern selbst zu den Menschen hinfährt? Das Vögele Kultur Zentrum wagt dieses Experiment – und schafft damit Begegnungen mit Kunst im Alltag.

Text Jessica Prinz, Vögele Kultur Bulletin #122

«Was verbindet ihr mit Langeweile?» Kulturvermittlerin Anastasia Balzer steht auf dem Pausenplatz des Schulhauses Burgerau in Rapperswil-Jona und lässt die Frage einen Moment lang stehen. Vor ihr: 16 Schülerinnen und Schüler. Hinter ihr: das Vögele Kultur Mobil, ein Kleintransporter, der sich in ein fahrbares Museum verwandelt hat und anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Vögele Kultur Zentrums durch die Schweiz reist.

Das fahrende Mini-Museum machte als erstes Halt vor dem Schulhaus Burgerau in Rapperswil-Jona.

Einige der Jugendlichen lachen verlegen, andere zucken mit den Schultern. «Es gibt kein Richtig oder Falsch», sagt Balzer, «ihr dürft frei sagen, was euch zu meiner Frage einfällt. Ein Gefühl, eine Farbe, eine Tätigkeit.» Die Antworten kommen erst zögerlich, dann schneller: Warten. Nichts tun. Schlafen. Auffallend oft werden Schulfächer genannt. Langeweile – ein Gefühl, das alle kennen, aber selten positiv beschreiben.

Ausstellungsraum auf vier Rädern

Das Vögele Kultur Mobil – ein Lieferwagen, sonst als Transporter im Einsatz – wurde von Haustechniker Dominik Spörri mit viel Kreativität und handwerklichem Geschick umgebaut. Entstanden ist ein kompakter, überraschend wandelbarer Ausstellungsraum: Alles, was für den Einsatz unterwegs gebraucht wird, findet darin Platz. Die entsprechenden Stationen geben einen Vorgeschmack auf die aktuelle Ausstellung «Die LANGEWEILE – ganz schön vielfältig» in Pfäffikon SZ. «Es soll eine Einladung sein, sich mit dem Thema auch bei uns im Haus vertiefter auseinanderzusetzen», erklärt Silvana Muhl, Leiterin der Kulturvermittlung.

Brachten das Vögele Kultur Mobil in Fahrt:
Silvana Muhl (l.), Leitung Kulturvermittlung und Valérie Molière, Operative Leitung

Die Schülerinnen und Schüler teilen sich in Gruppen auf und begeben sich zu den verschiedenen Posten, in und um das Fahrzeug. Die Aufgaben wirken auf den ersten Blick einfach – und entfalten gerade dadurch ihre Wirkung. Eine Station führt in den Bauch des Fahrzeugs, ins «Zentrum fürs Nichtstun». Die Herausforderung: zehn Minuten bleiben, ohne sich zu beschäftigen. Kissen mit aufgenähten Taschen für Hände oder Kopf zwingen die Schülerinnen und Schüler zum Nichtstun. Was effektiv passiert, ist von Gruppe zu Gruppe verschieden. Einige legen sich hin, schliessen die Augen, werden ruhig. Andere tuscheln und kichern. «Wir haben geredet und Spiele gespielt», erzählt eine Schülerin später. «In der Gruppe wird man schnell kreativ – und Nichtstun ist dann schwierig», ergänzt ihre Kollegin.

Grüsse an die Langeweile

Währenddessen schreiben draussen andere Schülerinnen und Schüler an einer Station Postkarten an die Langeweile: Was nervt an ihr? Wofür könnte man ihr vielleicht sogar dankbar sein? Ein paar Schritte weiter liegen weisse Blätter bereit. Ohne Vorgaben entsteht, was einem gerade in den Sinn kommt. «Am häufigsten werden Papierflieger gefaltet», sagt Cornelia Strickler vom Besucherservice, die für diesen Einsatz ihren Platz in der Ausstellung verlassen hat. «Danach kommen Papierschiffe.» Bei Älteren tauchen auch «Himmel und Hölle»-Spiele auf. Dazwischen entsteht viel Überraschendes, Eigenwilliges, manchmal auch Rätselhaftes.

Die Jugendlichen konnten ihrer Kreativität an einer interaktiven Station freien Lauf lassen. Von Langeweile keine Spur.

Nach rund 15 Minuten kommen alle wieder zusammen. Die Gruppen erzählen, vergleichen, diskutieren. Manche Eindrücke sind klar, andere bleiben vage. Eine eindeutige Botschaft gibt es nicht. Bewusst. Die kurze gemeinsame Zeit soll vor allem eines bewirken: neugierig machen. «Draussen haben wir nur etwa halb so viel Zeit wie im Kultur Zentrum», sagt Anastasia Balzer. «Wir versuchen, die Leute sofort ins Thema hineinzuziehen.» Gleichzeitig verändert der Ort die Dynamik. «Ohne Dach über dem Kopf sind die Schülerinnen und Schüler vielleicht eine Spur wilder – aber auch freier. Die Stimmung ist automatisch lockerer.»

Das Vögele Kultur Mobil feiert in Rapperswil-Jona seine Premiere. Weitere Stationen folgen – auf Schulhöfen, an Quartierfesten, auf öffentlichen Plätzen. Das Konzept ist bewusst offen gehalten und passt sich den unterschiedlichen Umgebungen an. Dass aus der Idee tatsächlich ein fahrbares Museum wurde, war keineswegs selbstverständlich. «Eine grosse Idee zu haben, ist das eine, sie umzusetzen, etwas ganz anderes», sagt die operative Leiterin des Vögele Kultur Zentrums, Valérie Molière. «Es bleibt bis zuletzt ein gewisses Zittern.» Inzwischen hat sich das Zusammenspiel eingespielt – und bringt das Museum dorthin, wo man es vielleicht nicht erwarten würde: mitten in den Alltag. Manchmal gelingt es sogar auf dem Pausenplatz, einen Moment innezuhalten.


Diesen und viele weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe #122 des Vögele Kultur Bulletins.

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