An die Wand – und durch!

 

von Rebekka Reinhard

 

Bruchlandungen sind neuerdings «in». Ökonomische wie persönliche Niederlagen werden von Managern und Führungskräften gerne als Erfolge vermarktet. Die Philosophin Rebekka Reinhard plädiert dafür, einmal inne zu halten und das Trendthema differenzierter zu betrachten. Denn beim Scheitern geht es um etwas völlig anderes.

Vorsicht, Zukunft! Nachdem sich auch in schweizerischen Unternehmen herumgesprochen hat, dass die Zukunft schneller kommt und anders aussieht als erwartet, wird neben dem Erfolg das Scheitern ganz groß geschrieben. Scheitern passt hervorragend in eine Welt, die mit dem Vergangenen nicht mehr viel anzufangen weiß, und die man mangels geistreicherer Alterna-tiven VUCA getauft hat (für „Volatility“ (Flüchtigkeit) „Uncertainty“ (Unsicherheit), „Complexity“ (Vielschichtigkeit) und „Ambiguity“ (Mehrdeutigkeit)). Die meisten Entscheidungsträger haben verstanden, dass in einem launischen Universum die Kenntnis und Anwendung bewährter Routinen für den Erfolg eher hinderlich sind.

Ohne Scheitern kein Erfolg, lautet das neue Mantra – aber verstärkt die der Niederlage eigene Ineffizienz nicht den fortbestehenden wirtschaftlichen Druck? Doch. Also geht man auf Nummer sicher. Presst das Scheitern in Ratgeber, zwängt es in Kick-Off-Workshops und Impulsvorträge, kritzelt es auf Flipcharts, lässt es von Power Point-Folien auf das Auditorium abstrahlen. Geschichten des Scheiterns appellieren an den Menschen im Manager, an seine weiche, verletzliche, selbstzweiflerische, ewig adoleszente Seite, die vor Authentizität nur so trieft – und lassen sich wunderbar crossmedial vermarkten. Hinterher. Wenn der Zeit-, Kosten- und Statusverlust, die die jeweilige Bauchlandung mit sich bringt, verschmerzt ist. Wenn das Versagen soweit begriffen ist, dass es narrativ überformt und als (künftiger) Erfolg verkauft werden kann. Wenn es sich in einer positiven Bilanz aufheben lässt. Niederlagen sind erst toll, wenn sie überwunden sind.

 

Die Kunst des Scheiterns

An alle Führungskräfte und CEOs, die sich selbst und ihr Team zum Scheitern, das heißt – und zwar pronto! – zum Erfolg animieren wollen: Bitte einmal kurz innehalten, den Hebel im Groß-hirn umlegen und die Gedanken auf «Flugmodus» schalten. Was heißt Scheitern wirklich? Lösen wir uns doch hier einmal für einen Moment von der Zukunft und betrachten drei mythische Modelle, die das neue Trendthema etwas differenzierter darstellen.

Modell Sisyphos: Der Kontrollverlust. An den vor Urzeiten Korinth regierenden König erinnert ein Mythos, der aus einer einzigen eindrucksvollen Szene besteht: Sisyphos, der nur mit seiner Muskelkraft und unter Schmerzen einen riesigen Stein einen Hang hinauf wälzt. Kaum ist der Gipfel erreicht, verliert er die Kontrolle über den Felsbrock, sodass er wie von Zauberhand ins Tal zurückrollt. Sisyphos, schweißgebadet und staubbedeckt, muss sein Werk von neuem beginnen. Wieder rollt der Stein von selbst herunter, wieder muss er von vorn anfangen, und so weiter ad infinitum. Verantwortlich für diesen ewigen Kreislauf sind die Richter der Toten, die den intelligenten, aber überheblichen König strafen, weil er sich über seine Sterblichkeit hinwegsetzte und dem Hades entfloh. Sisyphos scheitert an seiner Lebensgier, der Unfähigkeit, maßvoll und anständig zu leben. Sein Scheitern mündet in eine Endlosschleife. Der Kontroll-verlust wird ihm zur Routine.

Modell Don Quichote: Der Realitätsverlust. Auch Miguel de Cervantes’ Roman über einen Landjunker, der sich so tief in die Lektüre von Ritterromanen verbeißt, dass er den Verstand verliert, ist zum Mythos geworden. Mit einer rostigen Rüstung, einem Visier aus Pappmaschee, einem müden Gaul und einem kleinen, runden Bauern namens Sancho Panza zieht Don Quichote los, um die Tradition des fahrenden Ritterstandes neu zu beleben. Der Held arbeitet wie Sisyphos hart an seinem Versagen. Er bekämpft viele hundert Seiten erfolglos alles, worin er verzauberte Kräfte erkennt: Windmühlen, Schafsherden, Gasthöfe, Weinschläuche... bis er schließlich von einem Dorfpfarrer und einem Barbier in einen Käfig gesperrt und nach Hause gekarrt wird. Aber woran scheitert der Protagonist wirklich, an seinen verrückten Idealen oder am Wahnsinn der Realität? Das bleibt unserer Phantasie überlassen.

Modell Odysseus: Der Orientierungsverlust. Nichts ist mehr VUCA wie die Situationen, in die sich der König von Ithaka auf seiner zehnjährigen Rückreise von Troja begibt. Erstmals in der griechischen Mythologie sind die gefahrvollen Ereignisse weniger auf göttliche Vorherbe-stimmung zurückzuführen als auf das unverständige, frevelhafte Tun des Menschen. Wann immer Odysseus es mit einäugigen Monstern, Seeungeheuern oder Sirenen zu tun bekommt – er muss sich etwas einfallen lassen und sich seinem zentralen Zielkonflikt stellen: Einerseits will er endlich heim zu seiner Frau, andererseits auf dem Nachhauseweg möglichst viel erleben. Der Held ist hin- und hergerissen. Er versucht, beides unter einen Hut zu bekommen, und scheitert grandios. Trotz seiner ausgezeichneten Führungsqualitäten wie Intelligenz, Erfin-dungsgabe und Verantwortungsbewusstsein kann er sein Unternehmen nicht retten; er muss seine Gefährten in den Tod entlassen. Als er nach zehn Jahren Irrfahrt endlich in Ithaka strandet, ist Odysseus, der Vielgewandte und Vielgewanderte, derselbe wie früher – und ist es nicht. Er ist der geworden, der er ist. Ein anderer, erfahrener, reifer Mensch. Nur weil er weiß, wen er liebt und von wem er geliebt wird, weil er nie die Zusammenhänge vergisst, denen er entstammt, kann er am Fremden und Gefährlichen wachsen. Nur deshalb beherrscht er die Kunst des Scheiterns so meisterlich.

 

Der Sinn für das Unbestimmte

Das Leitmotiv jedes Modells ist die Wiederholung des Misserfolgs. X Mal entgleitet Sisyphos der Stein, wird Don Quichote von seinen «Feinden» platt gewalzt, verliert Odysseus ein paar Team-mitglieder mehr. Aber es ist nie die Wiederkehr desselben. Jedes Ereignis, jedes Tun gleicht sich – doch nichts geschieht auf identische Weise. Und genau hier, in der Differenz der Wieder-holung, zeigt sich, worum es beim Scheitern wirklich geht.

Es ist stets derselbe Felsbrock, der herunterrollt, aber der Typ, der ihn hochwälzt, erscheint je nach Deutung immer anders: Bei Lukrez ist Sisyphos die Personifikation grundloser Todes-ängste, bei Ovid die Chiffre menschlicher Qual, bei Albert Camus die Inkarnation des absurden Menschen. Günther Grass wiederum bewundert Sisyphos’ Skepsis gegenüber jeglicher Erlösungsideologie, denn schließlich «gäbe es keine schrecklichere Vorstellung als die, dass der Stein eines Tages oben liegen bliebe.» So wie die literarische Gestalt sich im Laufe ihrer europäischen Rezeption verändert hat, so wandelt sich der Mensch selbst im Laufe seiner wiederkehrenden Kontrollverluste. Die aktuell beliebteste Sisyphos-Figur? Das Burnout-Opfer. Der Ehrgeizige, der vom Steineschleppen gar nicht genug kriegen kann, bis er selbst vom Gipfel fällt; dem Höhepunkt der blinden Betriebsamkeit, die Disziplin mit Lebenssinn verwechselt. Und dann? Wer seine Führungs-Souveränität plötzlich mit dem Krankenstand tauschen muss, läuft Gefahr, den Felsbrocken gleich wieder aufnehmen zu wollen, nämlich in Gedanken schon mal einen Beststeller über sein Elend zu verfassen. Genau darin besteht der wahre Fehler. Denn die Kunst des Scheiterns liegt nicht in seiner antizipatorischen Überwin-dung. Sondern in der Fähigkeit, im Ungewissen und Unfassbaren zu verbleiben.

Es geht um das, was der englische Dichter John Keats (1795-1821) «negative capability» nannte: die Befähigung, geduldig und interessiert in einer Situation zu verharren, die (noch) nicht klar umrissen ist; in der es keine harten «Fakten» gibt, die man auf «rationalem» Wege zeitnah in den Griff bekommen könnte. Anders ausgedrückt: Was für den Erfolg die Zielvor-gaben sind, ist für das kunstvolle Scheitern der Sinn für das Unbestimmte, Mehrdeutige.

 

Das Wissen um die wahren Prioritäten

Mit der «negative capability» eng verwandt ist die Selbstironie, welche die Widersprüchlichkeiten der eigenen Person – ihre Errungenschaften auf der einen Seite, ihr Versagen auf der anderen – nicht abstraft, sondern schmunzelnd quittiert. Dieser liebevoll-kritische Unernst ist eine weitere, unerlässliche Kompetenz all jener, die in der Niederlage Größe zeigen. Wären Bosse, Abteilungsleiter und Mitarbeiter in der Lage, sich selbst auch mal von außen zu betrachten und die Bedeutung des eigenen Egos augenzwinkernd zu relativieren, täten sie sich mit Bauchlandungen wohl nicht ganz so schwer. Vielleicht besäßen sie sogar die Leichtigkeit, in Superhelden-Capes zu schlüpfen, Trampolinsprünge zu absolvieren und einen Eid über ihren Willen zur Niederlage zu schwören – wie es die Absolventen der privaten «Draper University of Heroes» im amerikanischen Silicon Valley tatsächlich tun. Sie würden sich im Experimentieren üben statt darin, mit rostigen Schwertern eine Welt zu verteidigen, die nur noch in den Konzern-eigenen Ritterromanen existiert. Sie würden wie ein cleverer Don Quichote den Verlust der alten Realität mutig  als Chance begreifen, eine neue zu erfinden.

Warum bloß tun wir uns mit der Orientierungslosigkeit, die die Niederlage mit sich bringt, so schwer? Ganz einfach. Weil wir uns diesen Zustand systematisch abtrainiert haben. Wir verfügen über GPS. Wir können jederzeit einen Experten, Berater oder Coach buchen, der uns den – vermeintlich sicheren – Weg zurück zur Hauptstrasse weist. Wir können... aber wir müssen nicht. Wir sind durchaus in der Lage, die Protagonisten unseres eigenen Lebens auch im Scheitern zu werden. Wie? Das Modell Odysseus zeigt, dass beim kunstvollen Scheitern neben «negative capability» und Selbstironie das Wissen um die wahren Prioritäten zählt: Wurzeln, Heimat, Liebe; die Menschlichkeit, die man erfahren und selbst weitergegeben hat. Nur wer weiß, woher er kommt und wofür er lebt, kann den Nebel und die Schmerzen der Niederlage transzendieren, das eigene fehlerhafte Ich aus einer radikal neuen Perspektive betrachten und sich darüber klar werden, dass ihm das, was er in sicherem Besitz wähnte (Haus! Auto! Boot!), durchaus wieder genommen werden kann. Nicht alles wird gut. Die Maß-stäbe des Scheiterns – Verwirrung, Angst, Verzweiflung, Frustration – müssen denen des Erfolgs ewig fremd bleiben, wenn sie ihm dienen sollen. Wer nie richtig scheitert, scheitert erst recht: an einer bornierten, ungeprüften Existenz. Man muss sich den Scheiternden als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das Zauberwort heißt «trotzdem».

 

Dieser Text ist in leicht veränderter Form auch im Psychologiemagazin HOHE LUFT erschienen.

 

Dr. Rebekka Reinhard sagt: «Ich bin sehr erfolgreich in der Umgehung des Mainstreams. Wenn es aber um Konformität mit Normen und Konventionen geht, bin ich eine ewig Gescheiterte». Sie promovierte über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie. Heute ist sie als Beraterin und Referentin für Unternehmen tätig. Für die Philosophie-Zeitschrift HOHE LUFT arbeitet sie als Redaktorin; als Autorin hat sie sechs Bücher geschrieben, darunter «Odysseus oder die Kunst des Irrens» (Ludwig, 2010).